Dahler gewinnt den Wahlkreis Biberach deutlich

24.02.2025

Wolfgang Dahler hat für die CDU mit 40,9 Prozent das Direktmandat im Wahlkreis Biberach geholt. Zweite Kraft wird deutlich die AfD. SPD, Grüne und FDP verlieren deutlich.

Von Gerd Mägerle, Maike Daub, Thomas Werz, Anna Berger, Markus Dreher

 

BIBERACH - Wolfgang Dahler hat als Nachfolger von Josef Rief vom bundesweiten Rückenwind für die CDU profitiert. Bei seinem ersten Bundestagswahlkampf holte er40,9 Prozent der Erststimmen und konnte somit das Ergebnis von Rief bei der Wahl 2021 deutlich verbessern. Die Wahlbeteiligung im Wahlkreis beträgt 85,1 Prozent. Das ist der seit Jahrzehnten höchste Wert.

„Als neuer Bewerber freue ich mich natürlich über den Zuwachs“, sagte Dahler am späten Sonntagabend. Der 49-jährige Rechtsanwalt feierte im Sportheim seines Heimatorts Uttenweiler, wo ihm der Musikverein am Abend ein Ständchen spielte. Er sei froh, dass die CDU und er in einem schwierigen politischen Umfeld hätten zulegen können.

Dass er auch in der Stadt Biberach deutlich mehr Erststimmen erhielt als der Biberacher SPD-Abgeordnete Martin Gerster, freue ihn. „Vielleicht hat auch geholfen, dass ich schon seit vielen Jahren in Biberach arbeite“, so Dahler. Er wolle das aber nicht zu hoch hängen.

Bis zum späten Abend war noch nicht klar, ob es zu einem Zweierbündnis mit der SPD reicht, oder ob es zu einer Dreierkoalition mit den Grünen kommt. „Das wäre die schlechtere Lösung, aber wenn nichts anders möglich ist, muss man das angehen.“ Mit den hiesigen Abgeordneten Gerster (SPD) und Anja Reinalter (Grüne) habe er ein entspanntes Verhältnis. Zumindest aus Biberacher Sicht spräche also nichts gegen ein Dreierbündnis.

Er nehme einiges an Aufgaben und Wünschen mit nach Berlin, „aber ich muss mich dort auch erst mal einfinden“, so Dahler. Er kenne aber zum Glück bereits den einen oder anderen Abgeordneten. Dass er nun nicht mehr als Rechtsanwalt in Biberach tätig sein werde, habe er noch nicht ganz realisiert. Auch für seine Familie werde es jetzt von abstrakt zu konkret, dass der Ehemann und Vater künftig nicht mehr so oft zu Hause sein wird.

Dem Biberacher SPD-Direktkandidat Martin Gerster ist die Enttäuschung über das Ergebnis der Sozialdemokraten in Bund und Wahlkreis deutlich anzuhören, nachdem das vorläufige Ergebnis in Biberach gegen 21.30 Uhr feststeht. „Das ist bitter. Man kann sich dem Bundestrend nicht entziehen, da hängt man mit drin“, sagt Gerster, der mit 12,7 Prozent der Erststimmen 5,9 Prozentpunkte im Vergleich zu 2021 eingebüßt hat. Die SPD kommt im Wahlkreis auf 10,4 Prozent der Stimmen.

Auch wenn er mit dem vierten Platz auf der SPD-Landesliste gesichert weiter im Bundestag vertreten sein wird, spricht Gerster dennoch von einem bitteren Abend. Er habe sich nicht vom Bundestrend abheben können. „Es ist schon frustrierend, wenn man sich über Jahre für Projekte und Bundeszuschüsse für den Wahlkreis einsetzt und dann eine unbekannte Kandidatin deutlich mehr Stimmen holt“, so Gerster. Immerhin: In seiner Heimatstadt Biberach liegt der SPD-Abgeordnete mit 19,4 Prozent auf Platz zwei hinter dem CDU-Kandidaten Wolfgang Dahler (31,9 Prozent).

„Es ist bitter, wenn man im gesamten Kreis hinter der AfD landet. Ich wüsste nicht, wofür sich die AfD im Landkreis bisher stark gemacht hat“, so Gerster, der den Abend zuerst mit Freunden und Unterstützern im Biberacher TG-Heim verbracht hatte. „Ich habe mich bei den Mitgliedern und Unterstützern für ihren Einsatz bedankt, die Gesellschaft tat gut“, sagt Gerster. Am Montag geht die Arbeit für den SPD-Politiker in Berlin weiter. Man müsse den Ausgang der Wahl in Ruhe analysieren und überlegen, wie sich die Partei künftig aufstellen wird.

„Das Ergebnis ist wirklich enttäuschend“, sagt die derzeitige Grünen-Bundestagsabgeordnete, Anja Reinalter, kurz nach 22 Uhr. Nun steht fest, dass sie in ihrem Wahlkreis Biberach gerade einmal 10,3 Prozent der Erststimmen auf sich vereinen konnte, knapp 3,2 Punkte weniger als 2021. Bei den Zweitstimmen sieht es mit 9,8 Prozent noch schlechter aus. „Das ist wie schwimmen gegen den Strom“, beschreibt sie den Wahlkampf und betont, dass sie und ihre Parteikolleginnen und -kollegen hart gekämpft hätten, grüne Themen aber von der Migrationsdebatte überlagert wurden.

Komplett unzufrieden ist sie dennoch nicht: „Im Oktober lagen wir in den Umfragen bei gerade einmal neun Prozent. Da konnten wir wieder aufholen.“ Der schönste Moment des Abends für Reinalter, die den Abend mit Parteimitgliedern und Freunden im katholischen Gemeindezentrum St. Martin in Biberach verbracht hat: „Irgendwann kam eine Frau und sagte, dass sie jetzt Mitglied werden will.“

Im Vergleich zu den anderen Ampelparteien seien die Grünen mit einem Verlust von knapp drei Prozentpunkten noch am besten weggekommen, so Reinalter. „Die SPD musste mehr Federn lassen und die FDP scheint es nicht mehr in den Bundestag zu schaffen.“ Für einige ihrer FDP-Kolleginnen und -Kollegen tue es ihr sehr leid. „Die Ampel war nicht so schlecht wie ihr Ruf.“

„Ich bin sehr zufrieden, für mich ist das ein super Ergebnis“, sagt die AfD-Direktkandidatin Paula Gulde kurz vor 22 Uhr. Sie sei erst im Oktober Kreissprecherin geworden und nicht auf der Landesliste vertreten. „Deshalb bin ich umso glücklicher, dass es so gut gelaufen ist“, so Gulde, die 22,4 Prozent der Erststimmen gewinnen konnte. Das gelte auch für ihre Partei, die ihr Ergebnis im Wahlkreis Biberach mit 23,3 Prozent (2021: 10,8 Prozent) mehr als verdoppeln konnte.

„Für uns ist es gut gelaufen. Das ist ein klares Signal, die Bürger wollen den Wechsel“, so Gulde. Das Ergebnis sei eine klare Absage an rot/grün, „diese Politik ist nicht mehr erwünscht.“ Wenn die CDU nun mit SPD und Grünen eine Koalition schmiede, „dann geht so eine Koalition am Wählerwillen vorbei“, ist die Riedlingerin überzeugt. Ihren Erfolg feierte Gulde am Abend im privaten Rahmen. „Jetzt werde ich mir noch ein Glas Wein gönnen, das habe ich mir verdient“, so die AfD-Kandidatin.

„Ich bin tatsächlich sehr enttäuscht“, sagte der FDP-Direktkandidat Ben Dippe. Es sei für ihn im Moment nicht zu erklären, „warum es uns nicht gelingt, an manche Bevölkerungsschichten ranzukommen“. Auf Bundesebene sieht nach den aktuellen Hochrechnungen alles danach aus, dass die FDP unter der Fünfprozenthürde bleibt. Im Wahlkreis 292 schnitt sie etwas besser ab als im Bund und erreichte 5,08 Prozent der Zweitstimmen, aber Dippe hatte sich deutlich mehr erhofft.

„Es wird zu klären sein, woran es lag“, sage er nach Feststehen des Wahlkreisergebnisses. „Vielleicht müssen wir über andere Kanäle und andere Themen nachdenken.“ 2021 habe die FDP bei den Unter-30-Jährigen stark abgeschnitten. „Dass wir die diesmal nicht erreicht haben, macht mir Sorgen.“

Dippe ist erst 2024 in der FDP und „ich stehe bereit, an der Erneuerung mitzuwirken und diese im Wahlkreis Biberach mitzubegleiten“. Das Ergebnis sei eine Niederlage, „aber ich richte den Blick schon nach vorne“.

Maximilian Krippner ist mit seinem Ergebnis und auch dem der Linken im Wahlkreis sehr zufrieden. „Es sind zwar niedrige Prozentzahlen“, sagte er am Wahlabend gegen 22 Uhr, doch sie hätten ihr Ergebnis von 2021 verdoppeln können, sowohl bei Erststimmen (3,8 Prozent) als auch Zweitstimmen (4,5 Prozent). Das spiegele den bundesweiten Trend der Linken wider, auch im „sehr konservativen Wahlkreis“ Biberach. Nach einer genaueren Analyse der Wahlergebnisse in nächster Zeit werde sich seine Partei dann auf die nächsten Wahlen konzentrieren: 2026 wolle die Linke auch in den baden-württembergischen Landtag einziehen.

 

© Schwäbische Zeitung, Ausgabe Biberach vom 24.02.2025